Die Zeit tradierter Bauweisen liegt fast vollständig hinter uns. Technische und logistische Möglichkeiten erlauben den Einsatz von Bauweisen und Bauelementen an jedem Ort und die diesem Prozess zugrunde liegenden Fertigungstechniken und Konstruktionsprinzipien sind dabei international beliebig austauschbar. Die für Generationen dogmatisch gestellte Stilfrage, ob ein Bauwerk modern ist, hat durch ihre Allgegenwärtigkeit quasi ihre Bedeutung verloren und das Ideal ist zur Normalität geworden. Somit ist alles Bauen und damit überhaupt kein Bauen mehr modern. Dennoch möchten wir nicht nostalgisch und resigniert den Kopf hängen lassen, sondern eher mit einem Schmunzeln zurückblicken und den neu entstandenen Kontext als Chance und Aufgabe verstehen. Mit der Auflösung der alten Dogmen öffnet sich der Möglichkeitsraum dafür Stil in seinem ureigensten Sinne zu begreifen und befreit von altem Ballast zu einer neuen Haltung von Wie zu gelangen.
In diesem neuen Kontext entsteht Architektur weniger aus ästhetischen oder ideellen Überzeugungen, sondern aus den drängenden Realitäten und gewachsenen Parametern unserer Zeit: steigende technische Anforderungen, die Notwendigkeit nachhaltiger Bauweisen und sich wandelnde Lebens- und Arbeitsbedingungen. Gleichzeitig liegt die entscheidende Aufgabe zunehmend darin, diese Parameter im und mit dem Bestand zu verhandeln. In diesem immer komplexer zu beurteilenden Prozess gewinnt automatisch auch Bauherrschaft an Verantwortung und Bedeutung. Die Entwicklung unserer Architekturen muss deshalb vor allem als eine Frage der Vermittlung und der Suche nach dem entsprechenden Format verstanden werden.
Doch wenn alles im Wandel ist, das Korsett der Einfluss nehmenden Parameter immer enger und der Möglichkeitsraum des Wie überwältigend erscheint, wovon dann ausgehen, woran festhalten und wohin schauen? This is a mankind’s world – im Guten wie im Schlechten. Fast alles ist vom Menschen gemacht und selbst die Orte an denen wir nicht direkt präsent sind, werden durch unsere Abwesenheit geprägt und der Mensch selbst so noch am abgeschiedensten Ort zum Kontext. Der Kontext hat sich damit vom Mikro- in den Makromaßstab verschoben und ist im weitest möglich begreifbaren Sinne selbst zum Bestand geworden. Insofern ist das, was vielleicht eh schon immer so war, heute erst recht der Fall. Alles Bauen ist Bauen im Bestand. Architektur bedeutet für uns, diese Wechselwirkungen bewusst und mit Respekt zu erkennen und nur vielleicht zu gestalten – unabhängig davon, ob sie sich im sichtbaren Kontext oder im Verborgenen äußern. Less war noch nie more und die Orte unseres Bauens noch nie kostbarer. Wir müssen noch besser lernen hinzuschauen.
Von Johanna Keck und Mathias Peppler